Resilienz - der Glaube an die eigene Kraft

„Man never made any material as resilient as the human spirit.“ (Bern Williams). Der menschliche Geist ist so geschaffen, dass er vom Grunde aus resilient ist. Das heißt, dass wir die Fähigkeit besitzen, wieder aufzustehen, wenn uns ein Schicksal trifft und dass wir mit Stress umgehen können. Jeder Mensch besitzt Resilienzfähigkeit, jedoch ist diese stark durch persönliche Lernerfahrungen geprägt. Die gute Seite dieser Nachricht ist, dass Resilienz erlernt und weiterentwickelt werden kann. Widerstandsfähigkeit kann mit dem Begriff Resilienz gleichgesetzt werden.


Physikalisch betrachtet bedeutet Widerstandsfähigkeit die Fähigkeit eines Stoffes, sich durch äußere Faktoren kurzzeitig verformen zu lassen, aber wieder in die ursprüngliche Form zurück zu finden. Das ist eine wichtige Aussage, denn widerstandsfähig zu sein bedeutet nicht emotionslos und kühl zu sein oder nichts an sich heranzulassen. Sondern es bedeutet Stress und Schwierigkeiten aufzunehmen und zu fühlen, aber anschließend kognitiv so zu bewerten und zu bearbeiten, dass ich daraus neue Kraft ziehen kann und stärker aus der Situation herausgehe. Die Arbeit ist stark mit Ressourcenaktivierung verbunden. Für mich sind die folgenden neun Faktoren als wichtigster Kern für Resilienzentwicklung, jedoch kann jeder Mensch für sich seine eigenen individuellen Resilienzfaktoren finden.


Faktor 1: Bauchgefühl oder auch Körperbewusstsein steht für mich an erster Stelle. Widerstandsfähig zu sein hängt sehr stark von der Fähigkeit ab, auf eigene Körpersignale, die somatischen Marker, zu hören. Denn diese werden von unserem unterbewussten emotionalen Gedächtnis gesteuert, welches unser gesamtes Erfahrungswissen speichert. Körpersignale sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern haben einen Ursprung und können Quelle einer guten Entscheidung sein. Ein einfaches Beispiel Körpersignale zu deuten ist, wenn uns der Körper sagt, dass es Zeit ist herunterzuschalten und sich auszuruhen, weil er mit Dauerstress nicht mehr umgehen kann. Die Stresssignale sind eigentlich klar zu erkennen. Ich kenne Situationen, in denen ich dennoch nicht auf meinen Körper höre und versuche ihn zu überlisten. Doch meistens folgt darauf eine viel intensivere Phase der Erschöpfung als wenn ich den Stress früher gestoppt hätte.


Faktor 2: Life Design. Ich bin ein großer Design Thinking Fan und erst kürzlich auf das Buch „Design your Life“ von Bill Burnett und Dave Evans (Stanford University) gestoßen. Die beiden Autoren coachen jedes Jahr tausende von Studenten mit ihrer Methode des Design Thinking für das eigene Leben und verhelfen ihnen zu einem erfüllterem Berufsstart. Die Grundidee ist, dass wir die Designer unseres Lebens sind und unseren Weg durch Problemlösungsprozesse und den Bau von Prototypen erfolgreich gestalten können. Wichtig ist hier, dass wir den Weg bauen und nicht nur denken. Selbstgestaltung bedeutet, die Verantwortung für sein eigenes Leben und eigene Entscheidungen zu übernehmen und dies nicht dem Schicksal zu überlassen. Dieser Gedanke der Eigenverantwortung ist ein wichtiger Kern der Resilienz. Z.B. wenn ich eine Beförderung und neue Aufgaben möchte, arbeite ich darauf hin, indem ich zeige, wie ich Verantwortung für eigene Bereiche übernehmen kann. Und ich spreche meine Wünsche direkt an und frage, was ich für mein Ziel tun kann.


Faktor 3: Ambidextrie, zu deutsch Beidhändigkeit, ein Begriff aus der Medizin der heute aber v.a. als „Organisationale Ambidextrie“ in die Fachliteratur eingegangen ist. Dies beschreibt die Fähigkeit von Organisationen, gleichzeitig optimierend und innovativ, d.h. flexibel, zu sein. Ich sehe Ambidextrie als wichtiges persönliches Merkmal, welches Resilienz stärkt. Denn wir benötigen eine Art Beidhändigkeit in unserem Verhalten, um auf immer wieder ändernde Situationen reagieren zu können. Es bedeutet nicht, dass wir uns ständig nur an die Umgebung anpassen und Neues schaffen sollten (innovativ sein) sondern auch, dass wir den eigenen Weg kennen und verfolgen (optimierend sein). Doch erlaubt mir ein großes Repertoire an Kompetenzen und Verhaltensweisen sowie ein flexibles (agiles) Mindset eben diesen Weg zu gehen und mich trotzdem Stresssituationen anpassen zu können. Denn das bedeutet häufig auch umpriorisieren ohne das große Ganze aus dem Blick zu lassen. Zum Beispiel wenn ich trotz Stresssituation eine neue große Aufgabe „on top“ erhalte, bedeutet Ambidextrie, dass ich die Aufgabe, die mir aufgetragen wird, annehme und gedanklich auch einordne, wie ich diese gestalten kann, damit sie für mich in meinen Weg passt. Zudem erfordert die neue Aufgabe von mir so flexibel zu sein, dass ich andere Dinge depriorisiere. Diese Fähigkeit geht ebenso stark mit Resilienz einher.


Faktor 4: Selbstwirksamkeit bezieht sich auf eine subjektive innere Gewissheit, mit eigenen Kräften und Kompetenzen schwierige Situationen und Herausforderungen zu bewältigen (Bandura 1997). Es ist in dem Sinne ein starker Glaube an sich selbst, der auch beeinflusst in welche Situationen wir uns bewegen und ob wir den Schritt heraus aus der Comfort Zone wagen. Auch diese Überzeugungen beruhen auf früheren Erfahrungen. D.h. habe ich bereits viele Erfahrungen gemacht, schwierige Situationen ohne große Hilfe von Außen zu bewältigen, dann habe ich auch die Erwartung ähnliche schwierige Herausforderungen in der Zukunft zu meistern. Diese Erwartung ist ebenso ausschlaggebend für unseren Umgang mit Stress und Widerständen. Z.B. habe ich wenig Angst vor großen Projekten mit vielen Unbekannten, da ich in meiner Zeit als Berufseinsteigerin in der Beratung wiederholt die Erfahrung gemacht habe aufgrund genereller Stärken erfolgreich in Projekten zu sein auch wenn ich inhaltlich weniger Erfahrung und Kompetenz mitgebracht habe.


Faktor 5: Emotionskontrolle ist ebenfalls ein sehr wichtiger Resilienzfaktor. Kontrolle bedeutet nicht, Gefühle (positive und negative) nicht zuzulassen und zu unterdrücken, sondern es bedeutet, die Gefühle so zu steuern, dass sie uns die Energie geben, die wir brauchen. Resiliente Menschen können positive Gefühle für neue Ideen und Vorhaben nutzen oder auch um andere Menschen zu motivieren und mitzuziehen. Negative Gefühle hingegen, wie Niedergeschlagenheit, schaffen sie durch positive Umdeutung oder individuellen Gegenmaßnahmen wieder in eine gute Balance zu bringen. Insbesondere in stressigen Situationen erleben wir häufig eine Art Gefühls-Chaos, d.h. wir erleben einen Mix an unterschiedlichen z.T. widersprüchlichen Gefühlen zur gleichen Zeit. Emotionskontrolle bedeutet, dieses „Chaos“ für sich wieder schnell zu klären und die Gefühle angemessen zu steuern. Emotionskontrolle ist von mir als Mutter eines 13monatigen zurzeit fast nächtlich gefragt. Denn wenn der Kleine mitten in der Nacht mehrfach wach wird, dann passiert es nicht selten, dass sich Wut und Ärger darüber, wieder aus dem Tiefschlaf gerissen wurden zu sein, aufstauen. Doch bevor es überhaupt an die Oberfläche kocht, schaffe ich es, diese in eine Fürsorge und Liebe zu dem Kleinen umzuwandeln, welche benötigt wird, um ihn wieder zu beruhigen und zurück zum Schlafen zu bringen.


Faktor 6: Nein-Sagen zu können ist eine große Stärke, die insbesondere in stark kompetitiven Umfeldern sehr schwer fällt. Nein-Sagen bedeutet vor allem auf sich selbst zu schauen und für sich zu sorgen sowie sich Freiräume oder Zeitinseln zu schaffen und auch klare Grenzen gegenüber anderen zu ziehen. Auf dem ersten Blick wirkt „Nein-Sagen“ als unfreundlich und sogar unverschämt. Wir entsprechen mit so einer Reaktion nicht den sozialen Erwartungen und stoßen den Fragenden mit einem „Nein“ zurück. Insbesondere wenn wir auch etwas von dem Gegenüber wollen (z.B. die Zulieferung einer Aufgabe, Informationen, eine Beförderung) fällt es uns umso schwieriger. Und manchmal finden wir die Idee auch so gut, dass es uns schwerfällt „nein“ zu sagen. Doch es gibt gute Gründe, warum „nein“ sagen eine große Stärke und manchmal notwendig ist. Wir haben begrenzte Kapazitäten, Zeit, Energie, Kraft - egal wie man es nennen mag unsere persönlichen Ressourcen sind nicht unendlich. Daher gehört „nein“ sagen klar zu den Fähigkeiten in Stresssituationen widerstandsfähig zu bleiben. Ich habe diese Fähigkeit insbesondere in meiner Zeit als Beraterin lernen müssen und habe mir dies auch häufig für einige Kollegen gewünscht, die bis mitten in die Nacht hinein die Präsentationen für den nächsten Tag perfektioniert haben. Häufig aber ohne vorher zu klären, was genau bis zum nächsten Tag erreicht werden soll und was überhaupt realistisch möglich ist. Ich habe für mich gelernt, dass ich diese Grenzen auch kommunizieren muss, weil das Gegenüber sonst gar nicht den Einblick hat.


Faktor 7: Achtsamkeit oder Mindfulness ist ein neues gehyptes Format, um wieder mehr bei sich zu sein und ebenso Widerstandsfähigkeit aufzubauen. Dabei ist das Konzept wahrscheinlich schon so alt wie die Menschheit, wird aber v.a. auf buddhistische Hintergründe zurückgeführt. Achtsamkeit bedeutet auch innere Ruhe, Innehalten, Gelassenheit und eine klare Sicht der Dinge zu bekommen. Dies erreicht man durch die Fokussierung der Wahrnehmung auf das Hier und Jetzt, die Gegenwart. Alle Gedanken der Zukunft und Vergangenheit werden nicht aufgenommen sondern fließen vorbei. Es gibt viele verschiedene Übungen, Achtsamkeit zu lernen und es gibt klare Effekte, warum man Achtsamkeit lernen sollte: Durch ein erhöhtes Bewusstsein für innere körperliche und geistige Vorgänge können wir stärker unser Verhalten und unsere Emotionen kontrollieren und regulieren. Wir begreifen auch, dass unsere eigene Wahrnehmung, die Konstruktion unserer eigenen Wirklichkeit, nur relativ ist und auch verändert werden kann. Die frühzeitige Erkenntnis von dysfunktionalen Mustern erlaubt uns rechtzeitig einzuschreiten. Der Weg zur Achtsamkeit ist kein einfacher, sondern es braucht viel Zeit diese Kunst zu beherrschen. Ich habe es für mich selbst als Aufgabe gemacht, Achtsamkeit zu lernen. Ich merke in Situationen, in denen ich es bereits schaffe, achtsam zu sein, dass ich mich von Problemen distanzieren kann und dadurch mehr konstruktive Lösungsräume aufmachen kann. Diese Fähigkeit stärkt die eigene Resilienz.


Faktor 8: Positive Glaubenssätze sowie eine optimistische Weltsicht ist ein weiteres Merkmal resilienter Personen. Glaubenssätze sind gelernte tiefe innere, häufig nicht hinterfragte Überzeugungen, die in frühen Lebensphasen übernommen oder selbst gebildet wurden. Sie wirken in Form eines unbewussten inneren Monologs und filtern und klassifizieren unsere Wahrnehmungen. Dies gilt sowohl für negative, dysfunktionale Glaubenssätze (z.B. „Stress bringt mich um“) als auch positive Glaubenssätze (z.B. „Stress macht mich stark“). Starke positive Glaubenssätze, die wir für uns immer wieder wiederholen, machen uns widerstandsfähiger. Deshalb ist es wichtig, diese positiven inneren Vorstellungen auch zu pflegen und zu fördern. Negative Sätze können wir versuchen durch viel Training zu verändern und in Affirmationen umzuwandeln, auch wenn es nicht einfach ist. Ich bin der festen Überzeugung, alles erreichen zu können, für das ich mich wirklich einsetze. Diese positive Überzeugung begleitet mich schon seit meiner Schulzeit und treibt mich immer wieder an. Sie setzt viel Energie und Kraft frei, weshalb ich auch die meisten (Lebens-)projekte sehr erfolgreich abschließe. Positive Erfahrungen stärken diese positiven Sätze und den Glauben an die eigene Kraft.


Faktor 9: Soziale Beziehungen – nicht zuletzt können resiliente Personen häufig auch auf ein starkes und stabiles soziales Netzwerk bauen. Dieses Netzwerk ist eine Art Auffangnetz in schlechten Zeiten und besteht aus Freunden und Familie, vor denen man sich nicht darstellen muss, sondern die einen so akzeptieren, wie man ist und die einen wieder aufbauen, wenn man einen schlechten Tag erwischt hat. Zu wissen, dass man Menschen im Umfeld hat, auf die man sich verlassen kann, macht stark. Ein stabiles und ausgewogenes Netzwerk zu haben bedeutet, dass diese Personen in ihrem sozialen Atom viele Personen haben, die ihnen Halt aber v.a. auch Energie geben. Ein weiterer wichtiger Stärkefaktor ist das Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Gruppe, aus dem man schöpfen kann. Mein Freundeskreis aber auch insbesondere meine Familie ist für mich eine sehr wichtige Ressource, die mich in stressigen Situationen aus mir herauswachsen lässt. Ich weiß um den Halt und die Unterstützung und traue mir deshalb mehr zu und kann Widerstand leisten.


Die neun Faktoren geben ein gutes Bild, wie vielseitig Resilienz aufgebaut werden kann und jeder kann für sich seine eigenen Faktoren bestimmen. Wir wissen, dass Resilienz ein lebenslanger Lern- und Entwicklungsprozess ist. Wir wachsen an jeder Situation, insbesondere an den schwierigen, herausfordernden, unvorhersehbaren.

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