Gruppendynamik – Eine Selbsterfahrung

„Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu handeln: Erstens durch Nachdenken, das ist das Edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist das Leichteste. Und drittens durch Erfahrung. Das ist das Bitterste.“ Konfuzius

Ein Gruppendynamik-Seminar ermöglicht genau das: Lernen durch Selbsterfahrung. Es ist nicht nur der bitterste, sondern auch der eindringlichste, nachhaltigste Lernweg – eine Erfahrung, die bleibt. Ich hatte das Glück, an einem solchen Seminar teilzunehmen. Zum einen, wollte ich mehr über mich als Individuum in einer Gruppe erfahren: Welche Rolle nehme ich gewöhnlich in Gruppen ein? Wie wirke ich auf Gruppen bzw. einzelne Mitglieder? Wie kann ich Gruppen beeinflussen und wie lasse ich mich beeinflussen? Und wie baue ich Beziehungen innerhalb der Gruppe auf? Neben diesem Selbsterfahrungsaspekt war ich auch gespannt darauf, mehr über Gruppendynamik im Allgemeinen zu lernen: Was ist wichtig, um ein arbeitsfähiges Team aufzubauen? Welche Dynamiken gibt es innerhalb des Teams? Was sind die Themen, die innerhalb von Gruppen immer mitschwingen? Und welche Rollenmuster und Beziehungskonstellationen gibt es? Trotzdem wusste ich nicht so wirklich, was ich erwarten kann. Was in den 5 ½ Tagen jedoch geschehen ist, hatte eine Intensivität, die ich so von Seminaren bisher noch nicht kannte. Wer hier bereits neugierig geworden ist und wie ich, mit wenig Ahnung und Erwartungen in das Training gehen möchte, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen. Wer jedoch noch nicht überzeugt ist, oder einfach mehr erfahren möchte, mit dem möchte ich gerne meine Erkenntnisse und Erlebnisse teilen.


Zu Beginn des Seminars teilten sich 32 Teilnehmer auf drei Gruppen auf und wurden jeweils einem Trainer zugeteilt. Ich befand mich in einer Gruppe mit zehn weiteren Personen – unterschiedliche Geschlechter, Alter, Professionen etc. Wir waren gespannt aufeinander. Ohne viel Erklärung starteten wir in die erste Gruppenrunde mit den Worten des Trainers, dass wir jetzt 1 ½ Stunden Zeit für die erste Trainingsgruppe haben. Die Trainings- oder T-Gruppen sind die Hauptarbeitsform des gruppendynamischen Trainings. Diese fanden im Laufe der Woche bis zu sechsmal täglich statt. Die T-Gruppe folgt einer Minimalstruktur, d.h. nur Gruppe, Zeit und Raum sind vorgegeben, der Rest entwickelt sich (oder auch nicht) in der Gruppe. Der Trainer ist Prozessbegleiter und interveniert so gut wie nicht, außer wenn die Gruppe das Hier und Jetzt verlässt. Denn Gruppendynamik zu erleben bedeutet im Hier und Jetzt zu sein. Die T-Gruppe hat als einzigen Auftrag und Zielsetzung die Selbstdiagnose. Es ist nicht das Ziel des Trainings, eine tolle Gruppe zu bilden oder Einzelschicksale zu erkunden oder gar zu therapieren.


Die erste Sitzung startete mit viel Irritation. Fragen wie „wo bin ich hier eigentlich gelandet“, „es muss doch irgendein Ziel geben“, „wie können wir das Ganze sinnvoll nutzen damit es keine verschwendete Zeit wird“ waren am ersten Tag keine Seltenheit. Die Gruppenteilnehmer warteten, dass etwas passiert und versuchten sich auf verschiedene Weise zu orientieren. In weiteren Sitzungen gab es Vorschläge, Erwartungen an das Seminar auszusprechen, auf Flipchart oder Moderationskarten aufzunehmen, zu strukturieren und zu priorisieren. Doch die Vorschläge für konkrete Aktionen setzten sich nicht durch, da Rollen und Machtverhältnisse in der Gruppe noch gar nicht geklärt waren. Anstatt einem Einzelnen die Macht zu geben, einen Vorschlag durchzusetzen, gelang es der Gruppe immer wieder, Ideen schnell zu verwerfen und neue Themen anzureißen ohne zu tief gehen zu müssen. Das Resultat war eine zunehmende Unzufriedenheit aufgrund der Ziellosigkeit und der „Harmoniesoße“, wie wir es liebevoll tauften. So starteten wir in den zweiten Tag gelangweilt vom Springen von Thema zu Thema. Es trauten sich nun einige Mitglieder nach und nach direkten Kontakt zur Gruppe aufzunehmen und sich mit den anderen in Beziehung zu setzen, in dem sie z.B. direkt nach Feedback fragten oder Feedback anboten. Dieses zum Teil heftige Feedback löste nun einige erste Konflikte und Dynamiken aus (denn bekanntlich sagt ein Feedback mehr über den Feedbackgeber als den Empfänger aus). Die Gruppe wechselte von konkreten Aktionsversuchen auf die Metaebene, und begann den gemeinsamen Prozess zu reflektieren. Dazu gehörte auch, dass wir begannen, erste Ausdifferenzierungen innerhalb der Gruppe vorzunehmen z.B. mit einer Aufstellung auf einer Skala zwischen Freiheit und Sicherheit, der Frage nach den Machtverhältnissen bzw. Einfluss in der Gruppe und der Rolle der anwesenden Frauen vs. Männer. Dabei ist eine Erkenntnis des Tages, dass nicht „entweder … oder“ die Lösung ist, sondern meist ein „sowohl als auch“ (z.B. nur wer sich sicher fühlt, kann sich auch frei fühlen). Weitere Themen des Tages bezogen sich auf die Selbstoffenbarung innerhalb der Gruppe, d.h. wie viel Persönlichkeit jeder einbringt. Unser Fokus lag sehr stark darauf, einzelnen Individuen Feedback zu geben anstatt auf die Beziehungen zwischen den Individuen zu schauen.


Erst am dritten Tag starteten wir mit einer wirklichen Auseinandersetzung mit Mustern und Beziehungsachsen innerhalb der Gruppe sowie mit der Erarbeitung von Differenzierungen. Dabei dreht sich die Diskussion immer wieder um die folgenden drei Dimensionen einer Gruppe:

  1. Zugehörigkeit – wer ist innerhalb und wer außerhalb der Gruppe?

  2. Einflussnahme/ Macht – wer ist oben und wer unten?

  3. Zuneigungen/ Intimität – wer ist nah und wer ist fern?

Mit der Ausdifferenzierung begannen wir, uns sichtbar und erwartbar zu machen, indem wir uns bereit erklärten, eine bestimmte Rolle in der Gruppe zugeschrieben zu bekommen. Um die Beziehungsarbeit etwas zu beschleunigen, starteten wir zudem eine Soziometrieübung, bei welcher jeder drei Einflusskarten, drei Vertrauenskarten und bis zu drei Irritationskarten verteilte. Dabei war eine weitere spannende Erkenntnis, dass jeder zu jeder Zeit eine Wirkung auf die Gruppe hat, egal wie sehr er oder sie sich einbringt oder heraushält. An Tag 4 und 5 setzen wir uns weiter mit den bereits genannten Themen auseinander, insbesondere mit den Fragen: Wer hat Macht? Wem folgen wir, und wem nicht? Die Quintessenz der Reflexion auf Metaebene war, dass es in Gruppen ein kontinuierlicher Prozess ist, diese Rollen auszuhandeln und es keinen Endzustand gibt. Nicht zuletzt führte die intensive Auseinandersetzung mit uns auch zu einem stärkeren Vertrauen und wir haben uns am letzten Tag auch an das Thema Schönheit und Attraktivität gewagt und welche Rolle diese in unserer Gruppe spielt: Wer findet wen attraktiv? Welche Zweierachsen gibt es? Wie beeinflusst das die Gruppe? Wo gibt es kleine Konkurrenzkämpfe?


An Tag 5 bekamen wir außerdem eine Entscheidungsaufgabe für die Gruppe, die Priorisierung von Gegenständen, die man benötigt wenn man mit dem Flugzeug in einer Wüste abstürzt. Das war eine Erfolgsgeschichte, weil unsere Gruppe gewonnen hat und wir gesehen haben, dass das Gruppenergebnis sogar besser als jedes Einzelergebnis war. Wir lernen aus Erfahrung, dass eine funktionierende arbeitsfähige Gruppe entstanden ist, weil nicht nur die Aufgabe bzw. Sachlage klar war, sondern wir auch sehr intensiv die Beziehungsebene in der Gruppe geklärt haben. Am letzten Tag reflektieren wir in der T-Gruppe und auch in der Gesamtgruppe in einer Art Fishbowl-Setup mit den drei Trainern die Geschehnisse und Erkenntnisse der letzten Tage.


Gruppendynamik bedeutet Selbstdiagnose. Die Gruppe soll erkennen, was sie ist und daraufhin ein gemeinsames Ganzes entwickeln, das ihr entspricht. Für ein arbeitsfähiges Team braucht es zwei Dinge: Die Klärung der Sache als Existenzgrund und die Beziehungsarbeit. Letzteres spielt auch im organisationalen Kontext eine große Rolle. Beziehungsarbeit muss Teil von Team- und Personalentwicklung sein. Teamarbeit bedeutet ein ständiges Aushandeln und Klären von Vertrauen, Einfluss, Macht und Führung, von Irritationen und Konflikten, Kommunikationsregeln, Werten, Alters- und Geschlechtsstrukturen und so weiter. Dies setzt voraus, dass jedes Gruppenmitglied mit jedem anderen in Beziehung treten kann, weshalb Teams nie größer als 10 bis 14 Leute sein sollten.


Viele Erkenntnisse kommen einfach nicht über Bücher, sondern durch das eigene Erleben und Erfahren. Dieses Training kann ich jedem empfehlen, der sich selbst als Teil einer Gruppe ausprobieren, zeigen und erkunden will. Es gehört ein bisschen Mut dazu, aber es gibt nichts Ehrlicheres, als sich dem direkten und indirekten Feedback einer Gruppe zu stellen und Teil der Dynamik zu sein. Die Übung der Selbstdiagnose und Ausdifferenzierung der einzelnen Rolle scheint eine Bedingung für die Arbeitsfähigkeit eines Teams zu sein. Eine solche Erfahrung ist eine wertvolle Entwicklungsmaßnahme für Individuen, die Verantwortung für und innerhalb von Gruppen übernehmen (also theoretisch jeder, der in einem Team, mit Teams oder als Führungskraft eines Teams arbeitet).

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